Warum hat Gott das zugelassen?


Am 26. Dezember 2004 zerstörte eine gewaltige Flutwelle, ein sogenannter Tsunami, in mehreren Ländern Südasiens und Ostafrikas ganze Küstenregionen und brachte Tod, Verwüstung und unbeschreibliches Leid mit sich. Manche Berichterstatter sprechen von einer Flut biblischen Ausmasses. Nicht nur die unmittelbar Betroffenen, sondern Millionen von Menschen rund um die Erde bewegt die Frage: Warum lässt Gott so schreckliche Dinge geschehen, wenn er doch lieb, gütig und gerecht ist?
Manche Antwort ist zu oberflächlich
Bei Kriegen, Unfällen, Terrorakten oder technischen Katastrophen wie z.B. dem KKW-Unfall von Tschernobyl ist es einfach, die Ursache und damit die Schuld dem Menschen zuzuschieben. Selbst bei Dürren, Erdrutschen oder Überschwemmungen lässt sich eine Mitschuld des Menschen wegen seiner Eingriffe ins empfindliche Ökosystem unserer Erde aufzeigen.
Auslöser für die riesige Flutwelle in Südasien war jedoch eine von Menschen nicht beeinflussbare tektonische Bewegung der Kontinentalplatten, die Schuld also nicht bei Menschen zu finden. Frühwarnsysteme hätten die Anzahl der Opfer und das entstandene Leid massiv reduziert, den Tsunami selbst und die Verwüstungen sowie heute vielleicht noch gar nicht erkennbare Spätfolgen (z.B. durch die Verschiebung der Erdrotationsachse und der Veränderung der Erdrotationsgeschwindigkeit) hätten jedoch von Menschen zu keiner Zeit und mit keiner Massnahme verhindert werden können!
Mit der für manche Gläubigen bequemen Antwort "Gott gab den Menschen einen Verstand und einen freien Willen, um gut oder schlecht oder überhaupt zu handeln" lässt sich Gott also nicht "entlasten". Ebenso wenig greift in den Augen des Verfassers die Argumentation, dass es sich bei der Flutkatastrophe um eine "Strafaktion" Gottes handelt.
Auch der Hinweis, der Tsunami sei ein verheissenes Zeichen für die nahe Wiederkunft Jesus (siehe Lukas 21, 25 - 28) ist wenig fundiert, denn schon 1755 riss eine ebenfalls durch ein mächtiges Seebeben verursachte Flutwelle allein in Lissabon 60'000 Menschen in den Tod und zerstörte weite Küstengebiete mehrerer Länder.
Solche Antworten und Aussagen auf die Fragen nach dem Warum sind zu einfach, zu oberflächlich.
Gott schuf etwas Unvollkommenes
Wir müssen uns in Anbetracht dieser auch flächenmässig riesigen Tsunami-Katastrophe damit abfinden, dass Gott mit der Erde etwas Unfertiges, Unvollkommenes, nicht perfekt Funktionierendes hat entstehen lassen. Diese Erkenntnis mag für manche beängstigend, ja schockierend sein, denn es stellt sich damit auch die Frage: Ist unser Gott möglicherweise gar nicht allmächtig?
Es wäre vermessen, hier an dieser Stelle auf diese Frage eine Antwort geben zu wollen. Ein möglicher Denkansatz wäre: Schon im Psalm 102 wird darauf hingewiesen, dass Himmel und Erde vergehen werden. Es könnte daher sein, dass Gott ursprünglich beabsichtigte, eine vollkommene Welt zu schaffen, in der die nach seinem Bild geschaffenen Menschen leben sollten, hat aber nach dem Sündenfall nicht nur die Menschen und alles andere irdische Leben, sondern auch die Erde selbst unvollkommen und vergänglich werden lassen ...
Auch Jesus fragte nach dem Warum
Die Frage nach dem Warum entspringt nicht zuletzt einem allzu kindhaften Bild, das wir uns von Gott machen nach dem Muster "Er ist der liebe Gott und sorgt schon dafür, dass es mir hier als Mensch gut geht". Schon die Bibel zeigt, dass er nicht dieser simplen "lieben Gott"-Vorstellung entspricht.
Unser Gottbild orientiert sich zu sehr an menschlichen Massstäben und Verhaltensweisen - und die Feststellung, dass er nicht diesem kindlichen Bild entsprechend handelt, verwirrt, ängstigt und schockiert uns. Wir können seine Allmacht, seine Allwissenheit und seine uns oft widersprüchlich erscheinende Komplexität offensichtlich nicht begreifen.
Das darf uns jedoch weder verwundern noch ängstigen, denn selbst Jesus als menschgewordener Gottessohn - und als solcher Teil unseres dreieinigen Gottes - stellte am Kreuz die Frage nach dem Warum: Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen? (Matthäus 27, 46).
Die Frage nach dem Warum ist daher auch für uns Menschen legitim und Anlass, uns vermehrt und intensiver mit Gott zu beschäftigen.
Herausforderung an unseren Glauben
Wir Christen haben einen Hoffnung gebenden Glauben, lehrt er uns doch, dass unser vergängliches menschliches Dasein nur eine Übergangsform zum ewigen Leben ist. Dieser Glaube ist unser Trost und unsere Zuversicht in Schmerz, Trauer, Leid und Not. Er nimmt uns zwar nicht die Angst vor dem Sterben, jedoch vor dem irdischen Tod. Aber auch dieser Glaube hilft uns nicht zu verstehen, warum Gott solche Katastrophen, soviel Elend und Leid zulässt.
Jedoch eröffnet uns dieser zukunftsorientierte Glaube eine andere Perspektive, können wir doch lernen darauf zu vertrauen, dass bei Gott letztendlich alles seinen Sinn hat. Unser Unvermögen, hier und heute schon eine Antwort auf das quälende Warum zu finden, fordert unseren Glauben an die für uns oft nicht erkenn- oder begreifbare Liebe, Gerechtigkeit und Allmacht Gottes heraus.
Ein Priester schrieb mir zu diesem Thema: Vielmehr müsste die Frage (nach dem Warum) in einen Ausruf, besser in ein Gebet umgestaltet werden:
Herr, Gott lehre mich Dich zu verstehen!


Autor u. Copyright: René Müntener, Redaktor von WWW.NAK-BADRAGAZ.CH
Dieser Artikel ist keine Stellungnahme der NAK zum Thema, sondern widerspiegelt die persönliche Ansicht des Verfassers.




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