Sind Notlügen auch Sünde?



[05.06.2005] Der heutige Tag beginnt schlecht: Am frühen Morgen schon teilt mir ein wichtiger Kunde mit, dass er einen Grossauftrag an einen Konkurrenten vergeben hat. Trotzdem beantworte ich beim nächsten Kunden dessen Frage nach meinem Befinden wie gewohnt strahlend mit "Hervorragend", obwohl ich mich doch miserabel fühle. Nachmittags mache ich einen Besuch bei einem unheilbar und todkranken Bekannten und tröste: "Das wird schon wieder gut!". Und zu guter Letzt beim Abendessen bei Freunden: Die Suppe ist etwas versalzen, das Fleisch schmeckt angebrannt und die Teigwaren waren vielleicht vor einer Stunde mal al dente - und trotzdem danke ich der Gastgeberin noch überschwenglich für das ausgezeichnete Essen.
Na ja, schliesslich ist man dazu erzogen worden, überall und gegenüber jedermann stets zuvorkommend, nett, freundlich und positiv zu sein. Daher kommen diese alltäglichen kleinen Nettigkeiten doch schon ganz automatisch ohne Nachdenken über die Lippen, nicht wahr?
Das schlechte Gewissen
Aber Hand auf's Herz: Haben Sie sich nicht auch schon gefragt, ob diese kleinen netten Unwahrheiten nicht doch auch Sünde sind? Manchmal plagt einem deswegen nämlich im Nachhinein doch ein wenig das schlechte Gewissen - und das ist ein sicheres Zeichen dafür, dass man sich bewusst wird, etwas Unrechtes getan zu haben. Jedoch schon der Schriftsteller James Joyce sagte: Der Erfinder der Notlüge liebte den Frieden mehr als die Wahrheit.
Sind denn solche kleinen Notlügen nun Sünde oder nicht? Die Frage lässt sich nicht ohne ein paar tiefergehende Betrachtungen beantworten, so z.B. der Frage:
Was ist Sünde?
Sünde - dieser Begriff ist doch alt und verstaubt, Sünde tönt nach allem, was Spass macht, aber eigentlich verboten ist ...
Im christlichen Glauben bedeutet Sünde jedoch etwas anderes, nämlich eine gestörte Beziehung zu Gott. Das Wesen der Sünde lässt sich nicht in ein paar wenigen Sätzen vollständig erläutern, ja nicht einmal die Bibel gibt uns eine umfassende Sünden-Defintion.
Das Neue Testament zeigt uns als Wesen der Sünde die falsche innere Einstellung zu Gott. Alle christlichen Religionen betrachten Zuwiderhandlung gegen oder Missachtung des göttlichen Willens, im speziellen das Brechen der göttlichen Gesetze wie z.B. der Zehn Gebote, als Sünde. Aber auch das bewusste Unterlassen von Gutem gilt als Sünde, wie das Jakobus beschreibt: Wer nun weiss, Gutes zu tun, und tut's nicht, dem ist's Sünde (Jakobus 4, 17).
Um sündigen zu können, müssen wir den Willen Gottes kennen und uns dafür entscheiden können, diesen zu be- oder missachten. Gott erwartet dabei, dass wir uns ernsthaft darum bemühen, seinen Willen und seine Gebote, deren Missachtung Sünde ist, auch zu kennen (in Anlehnung an die menschliche Rechtspraxis könnte man dazu wohl so etwas ähnliches sagen wie "Nichtwissen schützt vor Sünde nicht"). Auskunft über den Willen und die Gebote Gottes gibt uns - wenn auch nicht umfassend und abschliessend - in erster Linie die Bibel. Was aber tatsächlich Sünde ist, darüber entscheidet letztendlich ausschliesslich Gott.
Lügen ist Sünde
Wenn uns der Wille Gottes so klar und deutlich aufgezeigt wird wie das in den Zehn Geboten gemacht wird, fällt es auch uns leicht, das Missachten eines dieser Gebote als Sünde zu erkennen. Nun, im 8. Gebot heisst es: Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten (2. Mose/Exodus 20, 16), also man soll nicht lügen, nicht verunglimpfen, nicht Unwahrheiten über andere verbreiten. Damit ist klar: Jede Lüge, d.h. eine bewusst ausgesprochene Unwahrheit, ist Sünde, verstösst sie doch gegen dieses 8. Gebot.
Lüge ist also immer Sünde! Und da auch eine Notlüge nichts anderes ist als eine bewusst geäusserte Unwahrheit - wenn auch unter besonderen Umständen - bleibt sie Lüge und ist damit Sünde.
Notlügen heisst Lügen unter besonderen Umständen
Notlügen - der Name drückt es bereits aus - sind Lügen in besonderen Notsituationen. Ob die eingangs beispielhaft dargestellten Situationen tatsächlich auch solche Notsituationen sind, ist allerdings teilweise zu bezweifeln. Entspringen nicht manche solcher unwahren Nettigkeiten dem Bestreben, aus Bequemlichkeit der Wahrheit auszuweichen, ja mehr noch, entspringen sie nicht manchmal auch schon fast einer unehrenhaften Motivation? Mit anderen Worten: Längst nicht alles, was wir verharmlosend als Notlüge bezeichnen, sind auch Lügen in Not.
Erweitern wir deshalb das Spektrum der Beispiele um eine tatsächliche Notlüge:
Würde ich als Opfer einer Geiselnahme in einer Bank unter Druck der brutalen Geiselnehmer die Wahrheit darüber sagen, wer den Alarm ausgelöst hat, würde ich damit mit grosser Wahrscheinlichkeit das Leben der jungen Schalterbeamtin gefährden. Nun, wer würde in einer solchen Situation nicht auch bewusst und aus freiem Willen lügen, nur um dieses Menschenleben zu retten? Also nehme ich in hier bewusst in Kauf, eine Sünde zu begehen. Jedoch: Sage ich die Wahrheit, unterlasse ich es, Gutes (in dem Fall: Leben retten) zu tun - und versündige mich damit auch. Ich muss also abwägen und mich entscheiden ...
Auch in der Bibel finden wir Beispiele von Notlügen. In 1. Sam 19, 8ff ist z.B. beschrieben, wie Michal mit einer Lüge Davids Leben rettet und später mit einer weiteren Lüge auch ihr eigenes. Auffällig dabei: Es ist nirgends zu lesen, dass sie für ihre Lügen bestraft worden ist, obwohl es vermutlich noch andere Wege gegeben hätte, David und sich selbst zu retten.
Sünde und Schuld
Gott wäre nicht Gott, wenn er nicht auch in Betrachtung ziehen würde, unter welchen Umständen wir lügen (sündigen). Die Sünde an sich ist zwar absolut, d.h. das absichtliche Missachten des göttlichen Willens und seiner Gebote ist immer Sünde. Und mit jeder Sünde laden wir Gott gegenüber Schuld auf uns.
Schon ein irdisches Gericht legt nun aber nicht ein und dasselbe Strafmass für eine Zuwiderhandlung gegen ein Gesetz fest, wenn der Gesetzesverstoss unter völlig verschiedenen Umständen erfolgte. Genauso beurteilt auch Gott unsere persönlichen Motive sowie die Zu- und Umstände wie äussere Zwänge, grosse Not, Todesangst usw. Wir laden beispielsweise für eine lebensrettende Lüge in einer wirklichen Notsituation in den Augen Gottes nur eine geringe, vielleicht gar keine Schuld auf uns, wogegen eine aus niederträchtigen Motiven geäusserte Lüge, z.B. zur persönlichen Bereicherung ohne jegliche Not, eine höhere Schuld Gott gegenüber zur Folge hat. Wie hoch die Schuld im konkreten Einzelfall ist, entscheidet ausschiesslich und allein Gott.
Vergib uns unsere Schulden
Wer sündigt, steht vor Gott als Sünder da. Aber Gottes Gnade ist grösser als alles, was wir uns vorstellen können. Er kann uns unsere Sünden und Schulden vergeben - und er vergibt sie uns auch, wenn er sieht, dass wir die Sündhaftigkeit unseres Tuns erkennen, dieses bereuen und seine Gnade suchen. Er schaut also auf unsere Herzenseinstellung ihm gegenüber.
Verharmlosen verhindert Vergebung
Es ist wohl nicht erst eine Erscheinung der heutigen Zeit, kleine Lügen und Schummeleien als Notlügen, vielleicht sogar als keine Lügen zu verharmlosen. Dieses Verharmlosen birgt eine grosse Gefahr in sich, denn wenn wir Sünden nicht mehr als solche wahrhaben wollen, bereuen wir sie auch nicht. Die Folge davon: Gott wird uns nicht vergeben. Schon Johannes schrieb dazu klare Worte:
Wenn wir sagen, wir haben keine Sünde, so betrügen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns. Wenn wir aber unsre Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und reinigt uns von aller Ungerechtigkeit. Wenn wir sagen, wir haben nicht gesündigt, so machen wir ihn zum Lügner, und sein Wort ist nicht in uns. (1. Joh. 1, 8 - 10)
Literaturhinweis
Offizielle Stellungnahme der Neuapostolischen Kirche zum Sündenbegriff
© Juni 2005 by René Müntener, CH-7310 Bad Ragaz. Dieser Artikel ist keine offizielle Veröffentlichung oder Verlautbarung der Neuapostolischen Kirche. Das Anbringen eines Links von einer anderen Website auf diese Seite ist gestattet. Jedoch ist jede Art der Wiedergabe - auch auszugsweise - ohne ausdrückliche Zustimmung des Autors und Rechteinhabers untersagt.

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