Niemals Gewalt!
Jenen aber, die jetzt so vernehmlich nach härterer Zucht und strafferen
Zügeln rufen, möchte ich das erzählen, was mir einmal eine alte Dame berichtet
hat. Sie war eine junge Mutter zu der Zeit, als man noch an diesen Bibelspruch
glaubte, dieses "Wer die Rute schont, verdirbt den Knaben".
Im Grunde ihres Herzens glaubte sie wohl gar nicht daran, aber eines Tages
hatte ihr kleiner Sohn etwas getan, wofür er ihrer Meinung nach ein Tracht
Prügel verdient hatte, die erste in seinem Leben. Sie trug ihm auf, in den
Garten zu gehen und selber nach einem Stock zu suchen, den er ihr dann bringen
sollte. Der kleine Junge ging und blieb lange fort. Schließlich kam er weinend
zurück und sagte: "Ich habe keinen Stock finden können, aber hier hast du
einen Stein, den kannst du ja nach mir werfen."
Da aber fing auch die Mutter an zu weinen, denn plötzlich sah sie alles
mit den Augen des Kindes. Das Kind musste gedacht haben, "Meine Mutter will
mir wirklich weh tun, und das kann sie ja auch mit einem Stein".
Sie nahm ihren kleinen Sohn in die Arme, und beide weinten eine Weile gemeinsam.
Dann legte sie den Stein auf ein Bord in der Küche, und dort blieb er liegen
als ständige Mahnung an das Versprechen, das sie sich in dieser Stunde selber
gegeben hatte: "NIEMALS GEWALT!"
Ja, aber wenn wir unsere Kinder nun ohne Gewalt und ohne irgendwelche straffen
Zügel erziehen, entsteht dadurch schon ein neues Menschengeschlecht, das in
ewigem Frieden lebt? Etwas so Einfältiges kann sich wohl nur ein Kinderbuchautor
erhoffen! Ich weiß, dass es eine Utopie ist. Und ganz gewiss gibt es in unserer
armen, kranken Welt noch sehr viel anderes, das gleichfalls geändert werden muss,
soll es Frieden geben. Aber in unserer Gegenwart gibt es - selbst ohne Krieg - so
unfassbar viel Grausamkeit, Gewalt und Unterdrückung auf Erden, und das bleibt
den Kindern keineswegs verborgen. Sie sehen und hören und lesen es täglich, und
schließlich glauben sie gar, Gewalt sei ein natürlicher Zustand.
Müssen wir ihnen dann nicht wenigstens daheim durch unser Beispiel zeigen,
dass es eine andere Art zu leben gibt? Vielleicht wäre es gut, wenn wir alle
einen kleinen Stein auf das Küchenbord legten als Mahnung für uns und für die
Kinder: NIEMALS GEWALT! Es könnte trotz allem mit der Zeit ein winziger Beitrag
sein zum Frieden in der Welt.
Quelle: Astrid Lindgren - Ansprachen anlässlich der Verleihung des
Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 1978, ISBN 3-7657-0820-8
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Letzte Änderung: 02.08.2003
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