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Was glauben neuapostolische Christen?
Unter diesem Titel hielt PD Dr. Reinhard Kiefer am 11. April 2000 im
KOMM-Zentrum Düren (D) einen theologischen Vortrag, den wir Ihnen mit
seinem Einverständnis hier auf unserer Website im Wortlaut wiedergeben
dürfen. Das Anbringen eines Links auf diese Seite ist gestattet. Jedoch ist
jede Art der Wiedergabe - auch auszugsweise - ohne ausdrückliche Zustimmung
des alleinigen Rechteinhabers Dr. Reinhard Kiefer untersagt.
Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde
Heute abend will ich zu Ihnen über den neuapostolischen Glauben sprechen.
Natürlich kann ich ihn an dieser Stelle nicht in seiner Gänze darstellen,
ich muss mich von daher auf wesentliche Aspekte beschränken. Wenn man vom
neuapostolischen Glauben spricht, dann darf darunter nicht etwas verstanden
werden, das vom allgemein Christlichen getrennt wäre. Es handelt sich hierbei
nicht um einen christlichen Sonderglauben, sondern im Gegenteil um einen Glauben,
der sich auf das Zentrum des Christlichen bezieht. Trotzdem gibt es nicht
übersehbare Unterschiede zwischen dem neuapostolischen Glauben und dem der anderen
Christen. Allein um diese Unterschiede soll es uns heute Abend zu tun sein.
Im folgenden sollten drei wesentliche Unterscheidungsmerkmale zur Sprache kommen:
1. Das ApostelamtIst es nicht auffällig, dass sich eine Kirche mit dem Eigenschaftschaftswort neuapostolisch versieht? Das Adjektiv "apostolisch" kennen die meisten. Es erscheint beispielsweise im "Apostolischen Glaubensbekenntnis" und in der in ihm enthaltenen Formulierung: "Ich glaube an eine heilige allgemeine und apostolische Kirche". Das Eigenschaftswort "apostolisch" besagt in "... der Alten Kirche, dass Schriften, Personen oder Einrichtungen von den Aposteln Jesu Christi verfasst, eingesetzt [...] oder begründet wurden."1 Wir sehen also, dass hier vor allem das historische Moment betont wird. Unter den Aposteln Jesu werden dann vor allem jene Männer verstanden, die mit dem Gottmenschen persönlichen Umgang pflegten. Durch den Zusatz "neu" erhält "apostolisch" freilich noch einen ganz anderen Akzent, denn nun wird Apostolizität nicht allein in der Geschichte aufgesucht, sondern sie wird zum Ereignis in der Gegenwart. Um es noch deutlicher zu sagen: Die Apostel werden nun nicht allein als historische Gestalten aufgefasst, die unsere besondere Wertschätzung genießen, vielmehr wird ausgesagt, dass Apostel Jesu unter uns gegenwärtig leben und wirken, und dass sie die lebenden Garanten der Apostolizität der Kirche sind. An dieser Stelle muss gefragt werden, was sind denn eigentlich Apostel? Freilich ist hier nicht der Ort, der Entwicklung des Apostelbegriffes im einzelnen nachzugehen. Wir müssen uns mit einer Charakter-Skizze begnügen, in der gleichsam die Substanz des Apostelamtes zur Sprache kommt. Das griechische Wort apostolos bedeutet Gesandter. Im Spätjudentum entwickelte sich das säkulare "Rechtsinstitut des bevollmächtigten Vertreters", in dem der Gesandte einer Person wie diese selber angesehen und aufgenommen wurde.2 Wie kaum ein anderer hat der dänische Philosoph und Theologe Sören Kierkegaard, der von 1813 bis 1855 lebte, in seiner 1847 verfassten Abhandlung "Über den Unterschied zwischen einem Genie und einem Apostel"3, die Besonderheit des Apostels zu fassen vermocht. Um zu verstehen, was damals und heute Apostel bedeutet, braucht man eigentlich nur Kierkegaards Gedankengang zu folgen. Zunächst kommt der dänische Philosoph darauf zu sprechen, wie jemand zum Apostel wird. Er schreibt: "Ein Apostel wird nicht geboren; ein Apostel ist ein Mann, der von Gott berufen und bestellt wird, von ihm mit einem Auftrag ausgesandt wird." Äußerlich betrachtet, so betont Kierkegaard, unterscheidet sich der Apostel gar nicht von anderen Menschen. "Er wird durch diese Berufung kein besserer Kopf, er empfängt nicht mehr Phantasie, nicht größeren Scharfsinn [...]."4. Wenn das so ist, was zeichnet denn den Apostel dann von anderen Menschen aus? Die Antwort, die Kierkegaard uns gibt, ist denkbar einfach: " [...] ein Apostel ist, was er ist, dadurch dass er göttliche Autorität hat."5. Das bedeutet im konkreten Fall: "Ich soll nicht auf Paulus hören, weil er geistreich oder sogar außergewöhnlich geistreich ist, sondern ich soll mich unter Paulus beugen, weil er göttliche Autorität hat [...]"6. Der Begriff Autorität ist heute in Misskredit geraten, zumal er immer wieder mit autoritär gleichgesetzt wird. Autoritär ist die Autorität der Apostel schon deshalb nicht, weil sie nicht auf den Fähigkeiten oder Begabungen des betreffenden beruht, sondern allein auf dem Ruf Gottes, der sich Männer zu diesem Amt erwählt. Autorität haben die Apostel im Sinne Kierkegaards, weil in ihrer Predigt der Ruf Gottes vernehmbar wird, der unweigerlich in die Entscheidung, in das Ja oder Nein stellt. Und wie kann derjenige, der Apostel zu sein behauptet, beweisen, dass er es auch wirklich ist und dass aus seinen Worten wahrhaftig der unbedingte Ruf Gottes zu vernehmen ist? Kierkegaard lehnt jede objektivierende Beweisführung ab: "Könnte er es sinnenhaft beweisen, so wäre er gerade kein Apostel"7, schreibt er und fährt fort: "Ein Apostel hat keinen anderen Beweis als seine eigene Aussage, und höchstens seine Bereitschaft, um dieser Aussage willen alles mit Freuden leiden zu wollen."8 Insofern ist die ihm von Gott "mitgeteilte Lehre", um nochmals mit Kierkegaard zu sprechen, "nicht eine Aufgabe, über die er nachgrübeln soll, sie ist ihm nicht gegeben um seinetwillen, er hat im Gegenteil einen Auftrag auszuführen und hat die Lehre zu verkündigen und hat die Autorität zu gebrauchen."9 Es ist schon erstaunlich, dass einer der bedeutendsten Denker des neunzehnten Jahrhunderts just zu jenem Zeitpunkt über den Apostel nachdenkt, da das Apostelamt in England wieder besetzt wurde und seine Wirksamkeit entfaltete. Kierkegaard empfand, das kann man seinem Aufsatz leicht entnehmen, den Apostel eben nicht als Figur der Kirchengeschichte. Auch wenn vor dem Horizont seines Denkens die neuen Apostel noch nicht erschienen, sind sie doch möglich. Kierkegaard reflektiert nicht über historische Figuren, sondern über gegenwärtige Problemlagen. Die Apostel, die seit 1832 tätig sind, haben eben jene göttliche Autorität, die durch keine historische Beweisführung abgesichert ist. Sie fordern jenen Glauben, der auf die Absicherung durch Objektivierung bewusst verzichtet. Zu ihrer Autorität gehört die Verkündigung der rechten Lehre, insofern sind sie nicht von einer wissenschaftlichen Theologenschaft abgängig, sondern bedienen sich ihrer bestenfalls. Daneben gehört zum Komplex göttlicher Autorität die Aufrichtung der rechten Kirchenordnung, die sachgemäße Sakramentsverwaltung, die Vollmacht Sünden zu vergeben und schließlich, und damit kommen wir auf den zweiten wesentlichen Punkt des neuapostolischen Glaubens zu sprechen, die baldige Wiederkunft Christi nicht nur zu verkünden, sondern auch auf sie vorzubereiten. 2. Die Wiederkunft ChristiDie urchristliche Hoffnung, dass Jesus Christus nicht nur Mensch geworden ist, dass er nicht nur in den Himmel gefahren ist, sondern dass er ebenso wiederkommen wird, spielt in der Verkündigung vieler christlicher Kirchen keine oder nur eine nebensächliche Rolle. Das Bewusstsein des grundsätzlich eschatologischen - also endzeitlichen - Charakters der urchristlichen Christusbotschaft ging im Laufe der Jahrhunderte mehr und mehr verloren. Das Gekommensein des Erlösers verdeckte die Botschaft seines Wiederkommens. Das Verdecken der Wiederkunftsbotschaft hängt zweifelsohne damit zusammen, dass sie bislang nicht in Erfüllung ging. Die Spannung, in die die christliche Existenz durch sie gestellt wird, mochte auf die Länge der Zeit kaum auszuhalten gewesen sein. Erst im neunzehnten Jahrhundert "entdeckte" man diesen Aspekt des Evangeliums neu. Vor allem in den verschiedenen Erweckungsbewegungen, die seit Anfang des neunzehnten Jahrhunderts aufkamen, wurde die Sehnsucht nach der baldigen Wiederkunft Christi zum wesentlichen Grund für Buße und Umkehr. Hier hat auch die Neuapostolische Kirche ihren historischen Ort, nur dass sich innerhalb der apostolischen Bewegung die Botschaft der Wiederkunft Christi untrennbar mit dem Apostelamt verband. Diese Verbindung hat sich denn auch als sehr fruchtbar erwiesen, da die Apostel in die Mitte ihrer Verkündigung, hier völlig dem urchristlichen Vorbild entsprechend, die Botschaft von der Wiederkunft Christi stellten und stellen. Die Betonung der unverbrüchlichen Zugehörigkeit der Wiederkunftshoffnung zum Evangelium hat sich um so notwendiger erwiesen, als gerade in der neueren Theologie nicht wenige Stimmen vorhanden sind, die den völligen Verzicht auf die Wiederkunftshoffnung fordern. So rechnet etwa der bedeutende evangelische Theologe Rudolf Bultmann die Wiederkunft Christi neben den Abstieg Christi ins Reich der Toten und der Himmelfahrt zu jenen mythologischen Vorstellungen, die für den modernen Menschen erledigt sind.10 Freilich verabsolutiert eine solche Position, indem sie die Vorstellung eines real in der Geschichte handelnden Gottes aufgibt, das Diesseitige zum einzigen Bezugspunkt menschlichen Lebens und menschlicher Geschichte. Dagegen setzt der neuapostolische Glaube die Gewissheit, dass die Herrschaft Jesu, die mit seiner Auferstehung verborgen begonnen hat, im Augenblick seiner Wiederkunft für alle offenbar wird. Insofern ist die Wiederkunft Christi auch kein schreckliches Ereignis, sondern vielmehr eines, dem der neuapostolische Christ mit großer Freude entgegensieht. Das Ereignis der Wiederkunft Christi ist eingebettet in eine Reihe von Geschehnissen. Sie sollen wenigsten noch kurz genannt werden:11 Zunächst ist hier die Erste Auferstehung und die Entrückung derjenigen zu nennen, die dem Ruf Christi gefolgt sind und sich von den Aposteln in Wort und Sakrament entsprechend haben ausrüsten lassen. Daraufhin folgt die himmlische Vereinigung von Christus und diesen Menschen, den Lebenden und den Toten, die mit dem Begriff "Hochzeit des Lammes" umschrieben wird. Die sichtbare Wiederkehr Christi auf Erden geschieht im Kreise derjenigen, die an der Ersten Auferstehung teilnehmen durften. Mit ihr kommt der gewöhnliche Weltlauf endgültig zu seinem Abschluss. Die Erde erfährt eine grundlegende Verwandlung, sie wird nun zum Ort, an dem ein aktuelles Sein mit Gott möglich wird. Daran nun sind nicht nur diejenigen beteiligt, die an der Ersten Auferstehung teilnahmen, sondern alle auf Erden Lebenden. Dies ist das Tausendjährige Friedensreich, von dem die Johannes-Offenbarung (Off 20: 1-6) spricht. Danach erst geschieht das Jüngste Gericht, in dem, wie es im neuapostolischen Glaubensbekenntnis heißt, dass alle Seelen, ihr Teil empfangen, wie sie gehandelt haben, es sei gut oder böse.12 Christus ist dann der Richter der "Lebenden und der Toten". [D]as heißt im übrigen auch, wie Joseph Ratzinger in seinen "Vorlesungen über das Apostolische Glaubensbekenntnis" bemerkt, dass niemand sonst als Er im letzten zu richten hat. Damit ist gesagt, dass das Unrecht der Welt nicht das letzte Wort behält [...]. 13 Daran endlich schließt sich die neue Schöpfung an, durch die die Gemeinschaft mit dem dreieinigen Gott durch nichts mehr aufgehoben werden kann. Die Gottesherrschaft, die in der neuen Schöpfung anbricht, zeigt sich in verschiedener Hinsicht schon jetzt. Sie zeigt sich der machtvollen Gegenwart des Apostelamtes, in der Gemeinschaft der Christen, in Wort und Sakrament. Dies alles bleibt freilich nicht auf die Lebenden beschränkt, sondern gilt ebenso für die Toten. Und so kommen wir nun auf den dritten Punkt, auf das Entschlafenenwesen, zu sprechen. 3. Das EntschlafenenwesenSelbst ein skizzenhafter Überblick über die wesentlichen Aspekte des neuapostolischen Glaubens kann nicht auskommen, ohne die Darstellung eines Vorstellungskomplexes, der unter dem Stichwort Entschlafenenwesen zusammengefasst wird. Das Entschlafenenwesen betrifft all jene Dinge, die mit den Verstorbenen zusammenhängen. Im engeren Sinne ist damit die neuapostolische Praxis angesprochen, für die Verstorbenen nicht nur betend einzutreten, sondern ihnen die Teilhabe am sakramentalen Dienst der Kirche zu ermöglichen. Grundvoraussetzung dafür ist zunächst die Vorstellung eines Weiterlebens nach dem Tode, dass also die diesseitige Existenz eine unmittelbare und inhaltliche Entsprechung in einem jenseitigen Sein hat. Das Weiterleben nach dem Tode, in traditioneller Sprache die Unsterblichkeit der Seele, gehört zu den Grundgewissheiten des neuapostolischen Glaubens. In dem Buch Fragen und Antworten über den neuapostolischen Glauben können wir lesen: Wir wissen, dass wir für die Toten beten können [...], damit auch sie der Erlösung teilhaftig werden. Sofern sie die vom Gnadenaltar ausgehende Heilsbotschaft ergreifen, wird Gott sie weiterführen und ihnen auch die Gnadenhandlungen zugänglich machen, die stellvertretend für die Toten von Lebenden hingenommen werden.14 Die Sitte, durch lebende Stellvertreter den Verstorbenen die Sakramente zu spenden, praktizierte innerhalb der apostolischen Bewegung des 19. Jahrhunderts zuerst der Apostel Friedrich Wilhelm Schwarz (1815-1895). In Reiseberichten der Apostel, die im damaligen Schrifttum unserer Kirche veröffentlicht wurden, finden wir oft den Hinweis, wie viele Lebende und wie viele Tote versiegelt wurden. Entsprechende Eintragungen sind auch im Jahreskalender des Stammapostel Krebs (1832-1905) enthalten.15 Den Zugang zu den Sakramenten ermöglichen damals wie heute ausschließlich die Apostel. Die gesamte Entwicklung des Entschlafenenwesens seit Ende des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart an dieser Stelle nachzeichnen zu wollen, würde den zeitlichen Rahmen dieses Vortrags sprengen. Wir müssen uns hier mit einer Skizze begnügen. Die gegenwärtige Praxis, dass die Gottesdienste für Entschlafene künftig dreimal jährlich stattfinden sollten, und zwar jeweils am ersten Sonntag der Monate November, März und Juli, beginnend mit dem 4. Juli 1954, geht auf Anordnung von Stammapostel Johann Gottfried Bischoff zurück. Den Entschlafenen wird sonntäglich, so heißt es in Fragen und Antworten, durch Apostel das Heilige Abendmahl gereicht. Dreimal im Jahr finden besondere Gottesdienste statt, in denen den heilsverlangenden Seelen die Sakramente [Taufe, apostolische Handauflegung, also Versiegelung, und Abendmahl] der Kirche Christi gespendet werden.16 Zweifelsohne ist der Glaube, der sich auf die Welt der Toten bezieht, sie sozusagen in das diesseitige Erlösungsgeschehen aktiv hineinnimmt, für andere Christen eine befremdliche Sache. Selbst ein wohlwollender Kritiker wie der protestantische Konfessionskundler Helmut Obst bringt für diese neuapostolische Praxis nur wenig Verständnis auf. Er schreibt, ein derartiger Dienst für die Toten [...] ist weder aus der Bibel noch aus der Tradition zu begründen. Gottesdienste für Verstorbene, bei denen Lebenden für Verstorbenen Sakramente gespendet werden, sind ebenso ein neuapostolisches Spezifikum wie die sonntägliche Spendung des Abendmahls an Lebende für Tote.17 Die Irritation und die Ablehnung, die die neuapostolische Praxis provoziert, hängen fraglos mit dem Verschweigen und Verdrängen des Todes in der modernen Gesellschaft und auch in den großen Kirchen zusammen. Der Tod, so bemerkte einmal der Schweizer Schriftsteller Gerhard Meier, ist also stärker vorhanden als das Leben, das betrifft auch die Pflanzen- und Tierwelt. Die Erde ist ein riesiger Friedhof, ein Geisterschiff, wo man sich nur für kurze Zeit an Deck aufhält und dann wieder unter Deck geht.18 Obwohl die Zahl der Toten die der Lebenden übersteigt, entschwinden sie gleichsam aus dem Bewusstsein der Lebenden. Bestenfalls gilt ihnen ein liebendes Erinnern und der Fromme wünscht ihnen ein - freilich wenig spezifizierbares - Leben bei Gott. Doch ist Christus, wie Paulus im Römerbrief schreibt, Herr über die Lebenden und die Toten (Römer 14:9). Ein Herrscher nach dem Urteil der Welt, kommentiert der evangelische Theologe Gerhard Ebeling, wird daran gemessen, wie viele Lebende er in seinem Gefolge hat. Mit den Toten ist kein Staat zu machen. Jesus Christus hingegen übt die Herrschaft aus, bei der die Toten die ausschlaggebende Rolle spielen, weil an ihnen erst vollends offenbar wird, was es mit dieser Herrschaft auf sich hat.19 Da sich Glaube und Praxis der neuapostolischen Christen in bezug auf die Verstorbenen von allen andern Christen grundlegend unterscheiden, besteht fraglos die Notwendigkeit einer wenigstens ansatzweisen theologischen Klärung. Fragen wir also zunächst, welche Hinweise es auf die Spendung der Sakramente an Verstorbene im Neuen Testament20 gibt. Zugegebenermaßen finden sich dort nur wenige Aussagen zu diesem Thema. Zum einen wird von Paulus im 1. Korintherbrief eine in Korinth bestehende Sitte mitgeteilt, sich für Tote taufen zu lassen. Paulus kommt auf diese Praxis innerhalb seiner Auseinandersetzung mit den Leugnern der Auferstehung zu sprechen. Ihm geht es also nicht um eine Rechtfertigung des Sakramentsempfangs für Verstorbene. Allerdings scheint es sich hierbei um eine völlig gebräuchliche und von daher auch nicht weiter problematisierte Praxis gehandelt zu haben. Paulus schreibt (1Kor 15, 29): Was machen sonst, die sich taufen lassen über den Toten, so überhaupt die Toten nicht auferstehen? Was lassen sie sich taufen über den Toten? Der 1. Korintherbrief, der um 54 n. Chr. entstanden sein dürfte, ist das früheste Zeugnis für diesen Brauch. Die zweite Stelle ist wesentlich später, sie findet sich im 1. Petrusbrief, der wohl um 90 nach Chr. verfasst wurde. In 1.Petr. 3, 19f. findet sich nun kein Beleg für den Sakramentsempfang von Toten, sondern in ihm wird auf den Abstieg Christi nach seiner Kreuzigung ins Reich der Entschlafenen, wie es im Apostolikum heißt, angespielt: In demselben ist er auch hingegangen und hat gepredigt den Geistern im Gefängnis, die Vorzeiten nicht glaubten, da Gott harrte und Geduld hatte zu den Zeiten Noahs, da man die Arche zurüstete, in welcher wenige, das ist acht Seelen, gerettet wurden durchs Wasser [...]. Auf den selben Zusammenhang wird nochmals in 1. Petr. 4: 6 Bezug genommen, wenn es dort formelhaft heißt, den Toten [sei] das Evangelium verkündigt worden. Vor allem die Stelle aus dem 1. Korintherbrief hat vielfältige exegetische Überlegungen provoziert. Vielfach nahm man an, bei der Toten- oder Vikariatstaufe handele es sich um eine gnostische Praxis21, das heißt um einen sektiererischen Brauch. Der bekannte Neutestamentler Klaus Berger lehnt diese eindeutig negative Bewertung ab. Für ihn ist es eine in Korinth praktizierte Sitte, die in den selben theologischen Kontext gehört, wie der Bericht vom Gang Christi in das Totenreich. Berger führt zu diesem Themenkreis in seiner 1994 erschienenen Theologiegeschichte des Urchristentums folgendes aus: Die Christen in Korinth praktizierten die Totentaufe. Es handelte sich um eine für Tote stellvertretend vollzogene Taufe, die wohl als Geisttaufe (mit Handauflegung? [...]) vorstellbar ist (1 Kor 15,29). Aufgrund der Analogie in 1 Petr 4,6 kann man vermuten, dass es sich um eine Zueignung des lebenschaffenden Geistes Gottes an die handelte, die als Tote diesen Geist zuvor nicht hatten [...]. [...] Wie man sich die Vikariatstaufe der theologischen Konstruktion nach zu denken hat, ist eine interessante Frage. Der Grundgedanke ist die "Stellvertretung" [...]. Ziel jeder Stellvertretung ist die heilswirksame Anrechnung für den, der den Akt nicht vollzieht. [...] Auch im Christentum ist die stellvertretende Tat Jesu nicht die einzige geblieben, da es stellvertretendes Gebet immer noch gibt.22 Für Berger ist die im 1. Korintherbrief erwähnte Totentaufe also nicht die Wassertaufe, sondern die Geistestaufe, das heißt also im neuapostolischen Kontext, die Versiegelung. Gemeindegliedern wurde stellvertretend für Verstorbene die Hände aufgelegt, um ihnen so den Empfang des Heiligen Geistes zu ermöglichen. Die Kirche der nachapostolischen Zeit hat sich gegenüber der stellvertretenden Spendung der Sakramente an Lebende für Tote ablehnend verhalten. Diese urchristliche Praxis wurde allein in Kreisen am Rande der alten Kirche gepflegt. Die Kirche hat die Totentaufe - und damit die Spendung der Sakramente für Verstorbene insgesamt - schließlich im Jahre 397 auf dem 3. Konzil zu Karthago verboten. Ist dieses Verbot bloßer Ausdruck der Ignoranz gegenüber einer etwas abgelegenen urchristlichen Tradition? Eine solche Wertung wäre freilich übereilt und auch sachlich nicht gerechtfertigt, zumal man die Situation der Kirche nach dem Tode der Apostel bedenken muss. Ja, vom neuapostolischen Standpunkt aus ist diese Ablehnung durchaus berechtigt, denn wenn Apostel fehlen, dann kann auch der sakramentale Dienst für die Verstorbenen nicht vollzogen werden. Ein solches Tun wäre eine in sich leere Handlung gewesen. Man möchte den Konzilsvätern einen guten geistlichen "Instinkt" unterstellen, dass sie darauf drangen, solche gleichsam nur äußerlichen und inhaltsleeren Veranstaltungen - wie sie verschiedene christliche Randgruppen weiterhin vornahmen - zu verzichten. Man beschränkte sich in der Folgezeit ausschließlich auf die Fürbitte für Verstorbene - wie sie auch heute noch im Katholizismus und in der Orthodoxie praktiziert wird. Mit der Wiederbesetzung des Apostelamtes in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts entstand im Hinblick auf das zuvor Gesagte eine völlig neue Situation. Die Möglichkeit, die urchristliche Praxis aufs Neue zu beleben und zu entfalten, bestand nun. Während die Apostel der Katholisch-apostolischen Gemeinden sich an der Tradition der alten Kirche und der katholischen und orthodoxen Sitte der bloßen Fürbitte für Verstorbene orientierten, gingen die Apostel der Neuapostolischen Kirche wesentliche Schritte darüber hinaus. Sie griffen zunächst zurück auf die bekannten neutestamentlichen Ansätze und entwickelten sie weiter. Dass es sich hierbei nicht um theologische Willkür handelt, das belegt die Tatsache, dass allgemein christliche Grundvorstellungen, die im Neuen Testament bestenfalls angedeutet werden, von der nachapostolischen Kirche breite dogmatische Entfaltung erfuhren. Man denke etwa an das Dogma von der Dreieinigkeit Gottes oder an die Sakramentenlehre. Zweifelsohne ist im Neuen Testament ein Entschlafenenwesen im oben skizzierten Sinne nicht vorhanden, doch enthält es, gerade wenn man an die zitierten Ausführungen von Berger denkt, durchaus Implikationen, die zu seiner Entfaltung und Spezifizierung einladen. Das geschah in den letzten 120 Jahren.23 Die gegenwärtige Praxis geht wohl vom biblischen Text aus, doch wird sie eigentlich erst durch die Autorität des Apostelamts legitimiert, dessen Aufgabe es ja ist, das Evangelium sach- und zeitgemäß zu deuten, zu entfalten und zu predigen.24 Die sakramenteale Hinwendung zu den Entschlafenen darf keinesfalls mit dem Spiritismus verwechselt werden. Dieser stellt eine Objektivierung des Jenseitigen, eine verdinglichende Hineinnahme ins Diesseitige dar. Man spricht dort vom Jenseitigen in den Kategorien des Diesseitigen. Das Neue Testament und der sich darauf gründende neuapostolische Glaube waren immer sehr zurückhaltend in ihren Ausführungen zur Welt der Entschlafenen. Es geht nämlich nicht darum, objektivierende Einblicke in die jenseitige Welt zu gewinnen oder zu gewähren. Keine metaphysische Neugier soll befriedigt werden, sondern eine Heilszusage wird ausgesprochen, die Lebenden und Toten gleichermaßen gilt. An dieser Stelle ist zweierlei zu fragen. Zum einen: In welchem Zustand befinden die Toten sich? Und zum anderen: Warum sind sie auf die sakramentale Vermittlung des Apostelamts angewiesen? Die Beantwortung der ersten Frage gelingt nur dann, wenn man die sachliche Einheit des Toten mit dem Lebenden, der er war, betont. Die Geschichtlichkeit der menschlichen Existenz ist zwar mit dem Tod beendet, doch bleibt sie ein unveräußerlicher Bestandteil auch des Verstorbenen. Seine eigene Geschichtlichkeit, mit all ihren Implikationen, gehört zu ihm. Wäre es anders, so könnte man nicht ernsthaft von einem persönlichen Weiterleben nach dem Tode sprechen. Die Personalität des Toten steht in einer unaufhebbaren Kontinuität mit derjenigen des Lebenden. Wenn das so ist, dann sind die Toten aus der gefallenen Schöpfung nicht entlassen, vielmehr gehören sie zu ihr und befinden sich unter ihrem Gesetz. Der Mensch, so können wir bei dem katholischen Theologen Erik Peterson lesen, wird im Evangelium, als der Kranke, der Besessene und als der Verlorene gesehen.25 Das gilt auch für die Verstorbenen. Gesetz und Evangelium sind Mächte, unter denen auch sie sich befinden. Die Sünde herrscht weiterhin über sie. Ebenso besteht weiterhin die Möglichkeit der Vergebung und Überwindung. Gottesferne und Gottesnähe sind personale Positionen auch in der jenseitigen Welt. Dabei dürfen diese Kategorien keinesfalls statisch aufgefasst werden. Es besteht nämlich die Möglichkeit, sie aufzubrechen und zu verändern, in dieser Hinsicht besteht zwischen Diesseits und Jenseits durchaus eine Analogie. Wir sehen also, die verbreitete christliche Überzeugung, dass der Mensch [...] seine im Leben eingenommene Stellung zu Gott nicht mehr ändern kann und dass keine Änderung mehr möglich [ist], weil im Tod der Mensch sich als entschieden erweist26, bestreitet der neuapostolische Glaube mit aller Entschiedenheit. Vor diesem Horizont wird auch die Vorstellung ewiger Höllenstrafen oder ewiger Verdammnis gegenstandslos. Setzt sie doch gleichsam den universalen Heilswillen Gottes außer Kraft. Grundlage jeder positiven Veränderung - hier wie dort - ist die Hinwendung zu Gott, ist also der Glaube. Mithin sind auch die Verstorbenen nicht aus der Notwendigkeit zu glauben entlassen. Begründung und Stützung des Glaubens, der das Gottesverhältnis konstituiert, sind die Sakramente, sind Taufe, apostolische Handauflegung - also Versiegelung - und Abendmahl. Kommen wir nun abschließend zur zweiten Frage: Warum sind die Toten auf die Vermittlung der Sakramente durch die Apostel angewiesen? Mehr noch als alles andere steht und fällt das Entschlafenenwesen mit dem Apostelamt. Das Apostelamt steht am Schnittpunkt von diesseitiger und jenseitiger Welt. Im Licht des Apostelamtes wird so im engeren Sinne die Kirche als Gemeinschaft der Heiligen, von der im apostolischen Glaubensbekenntnis die Rede ist, als unauflösliche Gemeinschaft der Lebenden und der Toten erkennbar. Im weiteren Sinne wird die Menschheit insgesamt als Gemeinschaft der Lebenden und der Toten deutlich. Die Gemeinschaft der Gläubigen kann der Tod nicht zerstören, gerade hierin erweist sich die den Tod überwindende Kraft des Christusgeschehens. Aber auch die Zugehörigkeit zur Menschheit und ihrem Geschick hört mit dem Tod nicht auf, vielmehr bleibt sie für jeden Menschen unwiderruflicher Besitz. Innerhalb von Natur und Geschichte sind die Toten von den Lebenden strikt getrennt, allein im Glauben kann das Getrennte als Einheit verstanden werden. Allerdings soll damit nicht der Tod als radikaler Riss in der menschlichen Existenz geleugnet werden. Es geht nicht darum, das Skandalon des Todes zu entschärfen. Vielmehr gilt die Zusammengehörigkeit von Lebenden und Toten gerade angesichts der Ungeheuerlichkeit und letztendlichen Unverständlichkeit des Todes. Die Lebenden und die Toten dürfen im Lichte des Evangeliums als Einheit aufgefasst werden, denn sie sind gleichermaßen vor das Geheimnis der Menschwerdung Gottes gestellt. Gottes Eintritt in die Materie, sein Eingang in die Geschichte bedeutet: Das Heil ist in dieser Welt erschienen. Es wird allein im Kontext der Diesseitigkeit zugesprochen und erfahren. Die Erde ist der Ort, an dem das Heil geschichtliche Wirklichkeit wurde. Dieses Geschehen ist unüberholbar. Während alles andere auf der Zeitstrecke zurückbleibt, sind Menschwerdung Gottes, sein Tod und seine Auferstehung für die Menschen aller Epochen gleich gegenwärtig. Der "garstige Graben" der Geschichte, der sonst eine scharfe und nicht überwindbare Trennungslinie bildet, ist hier aufgehoben. Erik Peterson erklärt apodiktisch: Der Mensch konstituiert sich also vom Menschensohn [also vom fleischgewordenen Gott] her. Dass der Mensch krank ist, ist er in Beziehung auf den, der die Krankheit heilt. Dass er besessen ist, ist er in Beziehung auf den, der die Dämonen austreibt. Dass er ein Sünder ist, ist er in Beziehung auf den, der Sünden vergibt.27 Aus diesem skizzierten Zusammenhang fällt ebenfalls, so muss ergänzt werden, der Tote nicht heraus. Zugänglich wird diese Wirklichkeit durch die Kirche, in der Christus seit seiner Himmelfahrt im Heiligen Geist gegenwärtig ist.28 Das heißt aber auch, dass das Heil in jedem Fall durch die von Christus berufenen und gesandten Apostel zugesprochen wird. Die Heilsmittel sind in der sichtbaren Kirche vorhanden. Sie werden verwaltet von den lebenden Aposteln. Die Apostel sind die Gesandten Christi, die wie er, in die Bereiche der Toten hineinzuwirken vermögen. Sie allein sind in der Lage, den reinen Zugang zu den Verdiensten Christi zum Wohl für die gesamte Menschheit - also für Lebende und Tote - zu gewähren.
© 2003-2006 Neuapostolische Kirche Bad Ragaz (NAK Bad Ragaz) Letzte Änderung: 10.04.2010 |
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