Wer ist Jesus Christus?

Bei diesem Artikel handelt es sich um einen Vortrag von PD Dr. Reinhard Kiefer (Aachen) für Amtsträger der neuapostolischen Kirche, den wir Ihnen mit seinem Einverständnis hier auf unserer Website im vollen Wortlaut wiedergeben dürfen. Das Anbringen eines Links auf diese Seite ist gestattet. Jedoch ist jede Art der Wiedergabe - auch auszugsweise - ohne ausdrückliche Zustimmung des Autors und alleinigen Rechteinhabers PD Dr. Reinhard Kiefer untersagt.
Zur Person: PD Dr. Reinhard Kiefer, 1956 in Nordbögge (Westfalen) geboren, studierte Germanistik und evangelische Theologie. Er ist unter anderem Mitarbeiter der theologischen Redaktion der neuapostolischen Zeitschrift "Unsere Familie" und Autor mehrerer Bücher.
Die einzelnen Themenpunkte des Vortrages:
0. Wer ist Jesus Christus?
1. Ich glaube an Jesum Christum ...
2. ... Gottes eingeborenen Sohn, unsern Herrn ...
3. ... der empfangen ist von dem Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria ...
4. ... gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben, begraben ...
5. ... eingegangen in das Reich der Entschlafenen ...
6. ... auferstanden von den Toten ...
7. ... aufgefahren gen Himmel, sitzend zur rechten Hand Gottes, des allmächtigen Vaters ...
8. ... von dannen er wiederkommen wird.
 
Wer ist Jesus Christus?
Die Frage Wer ist Jesus Christus? klingt vielleicht eigenartig. Ist diese Frage nicht eigentlich überflüssig? Wer Jesus Christus ist, ist doch klar: Er ist der Herr, er ist unser Seelenbräutigam, wir erwarten seine Wiederkunft und so weiter. Doch was heisst das? Und ist damit wirklich beantwortet, wer Jesus Christus ist?
Im Folgenden will ich versuchen, die Frage in einer für uns sicherlich eher ungewohnten Weise anzugehen. Es geht darum darzustellen, wer Jesus dem biblischen Zeugnis und dem altkirchlichen Bekenntnis - dem Apostolikum - nach ist.
Will man die Frage "Wer ist Jesus Christus" wenigstens einigermassen sachgemäss beantworten, geht das nicht ohne den Rückgriff auf die altkirchlichen Bekenntnisse, also auf jene Bekenntnisse, die im vierten und fünften Jahrhundert formuliert wurden. Das vielleicht bekannteste altkirchliche Bekenntnis ist das Apostolikum, dessen Ursprung bis in das 2. Jahrhundert reicht. Die ersten drei Artikel unseres Glaubensbekenntnisses bestehen aus diesem alten Glaubensbekenntnis. Allerdings wurden im Laufe der Zeit durch unsere Kirche einige Veränderungen im Wortlaut vorgenommen.
Der zweite Glaubensartikel trifft grundlegende Aussagen zu Person und Wesen Jesu Christi. Er lautet: Ich glaube an Jesum Christum, Gottes eingeborenen Sohn, unsern Herr, der empfangen ist von dem Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben, begraben, eingegangen in das Reich der Entschlafenen, auferstanden von den Toten, aufgefahren gen Himmel, sitzend zur rechten Hand Gottes, des allmächtigen Vaters, von dannen er wiederkommen wird. Im Folgenden wollen wir uns mit den einzelnen Aussagen beschäftigen, um uns so deutlich zu machen, wer Jesus Christus ist.
 
1. Ich glaube an Jesum Christum ...
Das Bekenntnis zu Jesus von Nazareth als dem Israel verheissenen und von ihm erwarteten Messias gehört zu den Grundlagen des Neuen Testaments und des christlichen Glaubens überhaupt. Das hebräische Wort Messias bedeutet Gesalbter, die griechische Übersetzung davon ist Christus. Der Ausdruck Jesus Christus ist also mehr als ein blosser Name oder eine Bezeichnung unter anderen Bezeichnungen, vielmehr wird durch sie dem Glauben Ausdruck verliehen, dass die Heilsgeschichte Israels in einer konkreten historischen Person zu ihrem Ziel gelangt ist. Von da her hat das Neue Testament auch keinerlei Interesse an der Biographie, an der blossen Lebensgeschichte des Jesus von Nazareth. Wenn von Jesus die Rede ist, dann einzig, um ihn als Christus, als den erwarteten Messias und den im Auftrag Gottes Handelnden deutlich werden zu lassen.
Damit ist allerdings eine entscheidende Differenz zum Judentum markiert: Während viele fromme Juden den Messias in der Zukunft erwarten, ist die messianische Verheissung für das Neue Testament in Jesus in Erfüllung gegangen.
 
2. ... Gottes eingeborenen Sohn, unsern Herrn ...
Die hoheitsvolle Bezeichnung Sohn Gottes findet sich schon im Alten Testament, dort war sie dem König von Israel vorbehalten (vgl. Psalm 2,7). Einige dieser Aussagen wurden im Neuen Testament als Hinweise auf Jesus verstanden. So heisst es im Matthäusevangelium, dass Maria und Josef mit dem Jesuskind wegen der Mordpläne des Königs Herodes nach Ägypten entweichen, damit erfüllt würde, was der Herr durch den Propheten gesagt hat, der da spricht: Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen (Matthäus 2,15; vgl. Hosea 11,1).
Dass Jesus der wahre und eingeborene (= einziggezeugte) Sohn Gottes ist, gehört zum grundlegenden Bekenntnis des Neuen Testaments. Das ist ein Eckwert des Evangeliums. Von daher ist es verständlich, dass das Markusevangelium mit den gewichtigen Worten beginnt: Dies ist der Anfang des Evangeliums von Jesus Christus, dem Sohn Gottes (Markus 1,1).
In den Evangelien wird bezeugt, dass bei Jesu Taufe eine Stimme vom Himmel zu hören ist: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe (Matthäus 3,17; vgl. Markus 1,11; Lukas 3,22). Gott der Vater also stellt die Sohnschaft Jesu ausdrücklich heraus. Auch Jesus verweist auf seine Gottessohnschaft. Zunächst einmal dadurch, dass er Gott in einer sehr persönlichen Weise als mein Vater (aramäisch abba) anspricht. Denken wir nur an Jesu Gebet in Gethsemane: Abba, mein Vater, alles ist dir möglich; nimm diesen Kelch von mir; doch nicht, was ich will, sondern was du willst! (Markus 14,36). Die Gebetsanrede mein Vater entstammt der Familiensprache und war im Gebet der Juden ungebräuchlich, denn in ihr wird ein familiäres Verhältnis zwischen Betendem und Angebetetem ausgedrückt. Hier zeigt sich also: Zwischen Jesus und Gott dem Vater besteht ein Verhältnis, das sich von dem anderer Menschen zu Gott grundlegend unterscheidet.
Über sein besonderes Verhältnis zu Gott spricht Jesus bei verschiedenen Gelegenheiten. So lehrt er beispielsweise im Tempel: Ihr kennt mich und wisst, woher ich bin. Aber nicht von mir selbst aus bin ich gekommen, sondern es ist ein Wahrhaftiger, der mich gesandt hat, den ihr nicht kennt. Ich aber kenne ihn; denn ich bin von ihm, und er hat mich gesandt (Johannes 7,28.29). Jesus ist von Gott gesandt, doch ist er kein von Gott erwählter Mensch, wie die Propheten oder König David, sondern er ist vom Vater ausgegangen (vgl. Johannes 8,42). Er ist von oben, vom Himmel, hat den Vater gesehen und legt Zeugnis davon ab (vgl. Jo-hannes 3,31.32).
Bevor der Gottessohn durch die Jungfrau Maria als Mensch geboren wurde, lebte, wirkte und regierte er von Ewigkeit her mit dem Vater in der Einheit des Heiligen Geistes. Hier berühren wir ein Geheimnis, das nicht durch menschliches Nachdenken erfasst werden kann, sondern im Glauben ergriffen und bejaht werden muss.
Die Ursprungsbeziehung zwischen Vater und Sohn wird im Neuen Testament (vgl. Apostel-geschichte 13,33, Hebräer 1,5; 5,5) vor allem mit Hilfe von Psalm 2,7 ausgesagt: Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt. Der Sohn Gottes, die zweite Person der Trinität, ist vom Vater gezeugt, nicht geschaffen. Worin besteht der Unterschied zwischen gezeugt und geschaffen?
Gott, so bekennen wir, ist Schöpfer der sichtbaren und unsichtbaren Welt. Gemeinhin wird das Schöpfersein des Vaters betont, doch ist auch der Sohn Schöpfer. Durch den Sohn, der im Johannesevangelium Logos, also Wort, genannt wird, ist die Schöpfung geworden. Der Gottessohn selber ist Schöpfer, nicht nur der Vater, wie es im ersten Artikel unseres Bekenntnisses heisst. Insofern ist der Sohn auch nicht Teil der Schöpfung, nicht Geschöpf, sondern ist Bedingung der Schöpfung, unanfänglich wie der Vater und der Heilige Geist. Der Sohn, so wird im Glaubensbekenntnis von Nizäa-Konstantinopel (381), in dem die Trinitätslehre besonders behandelt wird, gesagt, ist wahrer Gott von wahrem Gott.
Die Zeugung des Sohnes durch den Vater ist etwas, das ausserhalb der Zeit geschieht. Mit ihm soll nicht ausgedrückt werden, dass es einen Zeitpunkt gab, zu dem der Sohn noch nicht war. Vielmehr sind Vater und Sohn gleich ewig und gleich göttlich, von gleichem Wesen und Willen. Deshalb wird vom Vater gesagt, dass er ewig den Sohn zeuge und der Sohn ewig vom Vater gezeugt werde. Die Ursprungsbeziehung zwischen Vater und Sohn, so sehen wir daran, ist nicht etwas, auf das sich zurückschauen oder das sich noch erwarten liesse, sie ist reine Gegenwart, geschieht also jetzt. Wie sie unanfänglich ist, so ist auch unaufhörlich.
Weil nun der Sohn Gott und Schöpfer ist, kann er auch Herr genannt werden. In Israel war die Bezeichnung Herr eigentlich für Gott reserviert. An den Stellen des Alten Testaments, wo der Gottesname Jahwe Erwähnung fand, wurde von den frommen Juden, die diesen Namen nicht auszusprechen wagten, Adonai, also Herr, gelesen. Die Bezeichnung Herr für Jesus, die sich in dem hoffnungsvollen Maran atha (Der Herr kommt) oder in der Bitte Amen, ja, komm, Herr Jesus! (Offenbarung 22,20) findet, stellt einen deutlichen Hinweis auf seine Göttlichkeit dar. Apostel Thomas, der zunächst an der Wirklichkeit der Auferstehung Jesu zweifelte, bekannte schließlich angesichts des Auferstandenen: Mein Herr und mein Gott. Hier wird ganz deutlich, dass Herrsein und Gottsein Jesu Christi unauflösbar zusammengehören.
 
3. ... der empfangen ist von dem Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria ...
Der Gottessohn wurde in Jesus von Nazareth Mensch, das ist ein unwiederholbares geschichtliches Ereignis. Dieser Mensch kam nicht durch einen menschlichen Zeugungsakt ins Dasein, sondern verdankt sein Leben einem göttlichen Wunder: Die Jungfrau Maria wurde schwanger von dem Heiligen Geist (vgl. Matthäus 1,18) und gebar Jesus den Christus in Bethlehem.
Die Zeugung durch den Heiligen Geist darf also nicht gleichgesetzt werden mit der ewigen Zeugung des Sohnes durch den Vater! In Jesus vereinen sich Gott und Mensch, in ihm begegnet uns der ewige Gott und ein vollkommener, sündloser Mensch. Die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus beschreibt Apostel Paulus im Philipperbrief (2,6-8) als Selbsterniedrigung: Er, der in göttlicher Gestalt war, hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein, sondern entäusserte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, ward den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt. Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz.
Selbsterniedrigung bedeutet, dass der Gottessohn in seiner irdischen Existenz als Jesus von Nazareth auf göttliche Allmacht, Allwissenheit, Unveränderlichkeit und Allgegenwart verzichtet hat. Als Mensch hat Jesus Teil an den Begrenzungen des Menschseins: Er ist gebunden an einen Leib und dessen Bedürfnisse, er ist von Leiden und Verzweiflung (vgl. Lukas 22,41-44) betroffen. Doch bleibt die enge Verbundenheit zwischen Vater und Sohn auch während Jesu Erdenleben bestehen. Alles, was der Sohn tut, geschieht mit dem Willen des Vaters. Der Sohn kann nichts von sich aus tun, sondern nur, was er den Vater tun sieht; denn was dieser tut, das tut gleicherweise auch der Sohn (Johannes 5,19).
Die Menschwerdung des Gottessohnes versteht der Philipperbrief als einen Akt der Selbsterniedrigung. Damit wird zugleich angedeutet, dass das Opfer des Gottessohnes nicht erst am Kreuz beginnt, sondern vielmehr schon mit seiner Menschwerdung, mit der Selbsterniedrigung und Entäußerung von aller göttlichen Macht einhergeht.
Das Handeln des Menschen Jesus Christus geschieht dennoch nicht nach den Massgaben gewöhnlicher Menschen. Obwohl er Mensch und damit Teil der Schöpfung geworden ist, hat der Gottessohn an ihrer Gefallenheit und Sünde keinen Anteil. Deshalb spricht Apostel Paulus von Christus auch als dem zweiten Adam, nämlich jenem Adam, der das zu vollbringen und heilen vermag, was der erste Adam im Garten Eden verfehlt hat (vgl. Römer 5,17.18).
 
4. ... gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben, begraben ...
Bezeugte der Hinweis auf den Heiligen Geist und die Jungfrau Maria das wahre Gottsein und Menschsein Jesu, so stellt der Hinweis auf Pontius Pilatus eine weitere Bekräftigung der Geschichtlichkeit des Heils in Jesus Christus dar. Pontius Pilatus ist eine Gestalt der Profangeschichte, sie wirkte etwa im dritten Jahrzehnt nach Christus, mit ihr geraten darüber hinaus die damaligen machtpolitischen Verhältnisse in den Blick. Heilsgeschichte und Profangeschichte, Geschichte des Menschen mit Gott und die Geschichte, die sich unter Menschen abspielt, sind nicht völlig voneinander getrennt, zwischen ihnen gibt es mehr als Berührungspunkte, sie greifen ineinander und werden so letztlich als Einheit kenntlich.
Jesus Christus, der menschgewordene Gott, ist gekommen, um zu leiden und sein Leben für die Sünde der Menschheit zu opfern. Dieses Geschehen erfährt in vier Worten seine Konkretion: Gelitten, gekreuzigt, gestorben, begraben. Noch einmal wird damit das wahre Menschsein des Gottessohnes betont. Die Hervorhebung von Menschsein und Geschichtlichkeit Jesu ist für die Verfasser des Apostolikums deshalb so wichtig, weil es innerhalb der alten Kirche Gruppen - man nennt sie Gnostiker - gab, die das wahre Menschsein Jesu und seinen Zusammenhang mit der Geschichte leugneten.
Für die Leiden Christi, von dem im Apostolikum die Rede ist, sind allerdings nicht nur die damaligen in Judäa lebenden Menschen verantwortlich, vielmehr trägt die gesamte sündige Menschheit in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft Verantwortung dafür. Insofern gilt für das Leiden Christi eben das, was auch für den Tod am Kreuz gilt, es gehört zur radikalen Selbsterniedrigung Gottes, aus der uns im Glauben das Heil wird.
Der Tod am Kreuz war in der Antike der schmachvollste, der erniedrigendste Tod. Der Kreuzestod Christi ist ein Ereignis, das in allen vier Evangelien bezeugt wird. Es stellt die Mitte der Überlieferung der Geschichte Jesu dar. Nicht umsonst wurde etwa vom Markus-Evangelium gesagt, dass es sich bei ihm um eine Passionsgeschichte - also um eine Darstellung des Leidens Jesu - mit ausführlicher Einleitung handle.
Ehrlose Verbrecher oder Aufständische wurden am Kreuz hingerichtet, ihnen wird Jesus an die Seite gestellt. Die besondere Erniedrigung, die der Kreuzestod bedeutet, muss als letzte Konsequenz aus dem Akt der Selbsterniedrigung Gottes verstanden werden. Gott lässt sich freiwillig und ohne jede Schuld mit den Niedrigsten und Verachtetsten auf eine Stufe stellen. Die Kreuzigung ist nichts Zufälliges oder etwas, das sich hätte verhindern lassen, vielmehr gehört sie zum heilsgeschichtlichen Plan Gottes und ist von daher eine Notwendigkeit. Von dieser Notwendigkeit spricht Apostel Petrus in seiner Pfingstpredigt. Er bezeugt in ihr, dass Jesus durch Gottes Ratschluss und Vorsehung dahingegeben war (Apostelgeschichte 2,23).
Durch den Tod am Kreuz hat der Gottessohn Teil an der Sterblichkeit des Menschen. Auch diesen Aspekt des Menschseins nimmt Jesus Christus also auf sich. Sein Sterben betrifft, wie bei jedem Menschen, den Leib. Sein Tod war wirklich, denn er machte seiner irdischen Existenz unwiderruflich ein Ende. Mit der Menschwerdung hat der Gottessohn also gleichsam in gesteigerter Form all das auf sich genommen, was jedem von uns, jedem Menschen der Vergangenheit und der Zukunft begegnen wird: Leiden, Sterben und Tod.
 
5. ... eingegangen in das Reich der Entschlafenen ...
Die Aussage eingegangen in das Reich der Entschlafenen trifft auf jede Seele zu. Denn nach dem Tod trennt sich die unsterbliche Seele vom Leib und geht in das Reich der Entschlafenen, in die jenseitige Welt der Toten ein. Auch in dieser Hinsicht unterscheidet sich der gekreuzigte und gestorbene Gottessohn nicht von anderen Menschen. Allerdings, und das ist eine Besonderheit, die ihn vor allen anderen Menschen auszeichnet, ist er nicht nur in das Reich der Entschlafenen eingegangen, sondern hat dort nach dem Zeugnis des 1. Petrusbriefes, gepredigt den Geistern im Gefängnis, die einst ungehorsam waren, als Gott harrte und Geduld hatte zur Zeit Noahs, als man die Arche baute (1.Petrus 3,19.20). Jesus Christus hat sich, so wird uns daran deutlich, für die Lebenden und die Toten geopfert. Sein Tun wird schliesslich innerhalb des Werkes Gottes der Endzeit zum Ausgangspunkt für das Entschlafenenwesen, das in der Urchristenheit und der frühen Kirche nur in Grundzügen entwickelt werden konnte.
 
6. ... auferstanden von den Toten ...
Die Aussage Jesus ist auferstanden von den Toten ist das zentrale Bekenntnis des christlichen Glaubens. Dass Jesus auferstanden ist, wird im Neuen Testament immer wieder herausgestellt. Zweifel an der Auferstehung kommen einem Zweifel an der Messianität - also am Christussein - Jesu gleich. Das älteste Glaubensbekenntnis der christlichen Urgemeinde, das uns in 1. Korinther 15,3.4 überliefert ist, spricht hier eine eindeutige Sprache: Denn als Erstes habe ich euch weitergegeben, was ich auch empfangen habe: Dass Christus gestorben ist für unsere Sünden nach der Schrift; und dass er begraben worden ist; und dass er auferstanden ist am dritten Tage nach der Schrift; und dass er gesehen worden ist von Kephas [= Petrus], danach von den Zwölfen.
Dass Leiden und Kreuz mehr sind als grauenhafte Geschehnisse, durch die ein Mensch erniedrigt und schliesslich getötet wird, das allein macht die Auferstehung deutlich. Die Auferstehung Jesu von den Toten ist Zeugnis dafür, dass Jesus der von Israel erwartete Messias, der Christus und Heiland der Welt ist. Darüber hinaus bezeugt die Auferstehung die Göttlichkeit Jesu.
Um die Tatsächlichkeit und die Leiblichkeit der Auferstehung zu betonen, weisen die Evangelien immer wieder auf das leere Grab hin. Das leere Grab ist der erste manifeste Hinweis darauf, dass Jesus nicht im Tode geblieben ist. Die Frauen, die am Ostermorgen zum Grabe gehen, finden es leer, ihnen wird gesagt: Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? Er ist nicht hier, er ist auferstanden (Lukas 24,5).
Innergeschichtliches Zeugnis für die Auferstehung ist das leere Grab. Dies war auch den Feinden der ersten Christen bewusst, und so haben sie die Jünger beschuldigt, den Leib Jesu aus dem Grab entwendet zu haben. Im Matthäusevangelium wird auf diesen Vorwurf angespielt. Die Hohenpriester und Ältesten befahlen den Soldaten, die das Grab zu bewachen hatten: Sagt, seine Jünger sind in der Nacht gekommen und haben ihn gestohlen, während wir schliefen (Matthäus 28,13).
Als weiteres Zeugnis sind die Erscheinungen des Auferstandenen anzusehen, der mit seinen Jünger spricht, isst und sich berühren lässt. Der auferstandene Leib trägt noch die Spuren des Leidens. Jesus zeigt seine Hände und seine Seite, in die mit der Lanze gestochen wurde (vgl. Johannes 20,20). Dieser auferstandene Leib, so wird an all diesen Hinweisen sichtbar, ist eben derjenige, der gequält und gekreuzigt worden ist.
Doch bedeutet Auferstehung nicht nur Wiederherstellung des ursprünglichen Leibes, sondern zugleich seine Weiterung und Überhöhung. Der Auferstandene ist nun nicht mehr, wie es zuvor im irdischen Leben der Fall war, an Ort und Zeit gebunden. Die Auferstehung Jesu bedeutet also nicht, wie es etwa bei Lazarus oder der Tochter des Jairus der Fall war, eine blosse Rückkehr in das irdische Leben, sondern ein neues, ein alles Irdische übertreffendes und in das Jenseitige hinragendes Leben.
Tod und Auferstehung Jesu sind innerhalb der Heilsgeschichte eng miteinander verbunden: Durch seinen Tod befreit Christus von der Sünde, durch die Auferstehung eröffnet er den Zugang zum ewigen Leben, zur Gemeinschaft mit dem dreieinigen Gott. Darüber hinaus verweist Jesu Auferstehung auf unsere eigene Auferstehung, denn er ist der Erstling, der Erste also, an dem Gott so handelt. Paulus hat dies auf den Punkt gebracht, wenn er schreibt: Nun aber ist Christus auferstanden von den Toten als Erstling unter denen, die entschlafen sind. Denn da durch einen Menschen der Tod gekommen ist, so kommt auch durch einen Menschen die Auferstehung der Toten (1. Korinther 15,20).
 
7. ... aufgefahren gen Himmel, sitzend zur rechten Hand Gottes, des allmächtigen Vaters ...
Der Auferstandene ist nicht auf Erden geblieben, vierzig Tage nach seiner Auferstehung fuhr er, so berichtet es die Apostelgeschichte, in den Himmel. Der Aufstieg in den Himmel meint keine blosse Ortsveränderung, obwohl auch sie in dem Bericht angedeutet wird. Der Himmel, in den Jesus Christus aufgenommen wird, ist weniger Ort als vielmehr eine andere Seinsweise, eben jene Weise, in der er vor seiner Menschwerdung lebte. Es ist nun auch die menschliche Natur Jesu Christi, denn sie ist ja in der Auferstehung verwandelt und überhöht worden, die in die göttliche Herrlichkeit in das Sein mit Gott dem Vater und Gott dem Heiligen Geist hineingenommen wird. Die Aufnahme Christi in den Himmel bedeutet also nicht die Ablegung des verherrlichten Leibes, sondern sein Leben in Gott.
Mit der Aufnahme Jesu Christi in den Himmel findet die Erhöhung, die paradoxerweise schon in der Erniedrigung am Kreuz begonnen hat, ihre Vollendung. Nun ist der Sohn, wie es im Hebräerbrief heisst, in das himmlische Heiligtum eingegangen und übt dort sein ewiges Priestertum aus.
Das Sitzen zur rechten Hand des Vaters verweist auf die göttliche Würde des Auferstanden, der niemand anderes ist als Gott selber. Dass Jesus Christus zur Rechten Gottes des Vaters ist und mit ihm in der Einheit des Heiligen Geistes regiert, wird im Neuen Testament verschiedentlich bezeugt. So etwa im Markusevangelium, dort heisst es: Nachdem der Herr Jesus mit ihnen [den Aposteln] geredet hatte, wurde er aufgehoben gen Himmel und setzte sich zur Rechten Gottes (16,19).
Und noch etwas ist mit dem Eintritt der menschlichen Natur des Auferstandenen in die göttliche Herrlichkeit geschehen, nämlich Christi Eintritt in das himmlische Heiligtum als Hohepriester. Von diesem Geschehen, auf das an dieser Stelle nicht ausführlich eingegangen werden kann, spricht ebenfalls der Hebräerbrief. Denn Christus, heisst es dort, ist nicht eingegangen in das Heiligtum, das mit Händen gemacht und nur ein Abbild des wahren Heiligtums ist, sondern in den Himmel selbst, um jetzt für uns vor dem Angesicht Gottes zu erscheinen (Hebräer 9,24). Insofern ist Jesus Christus seiner sündlosen menschlichen Natur nach auch Mittler zwischen Gott und den Menschen geworden. Von diesem Mittlersein, das im Grunde in der menschlich-göttlichen Doppelnatur Jesu Christi begründet ist, können wir im 1. Timotheusbrief lesen: Denn es ist ein Gott und ein Mittler zwischen Gott und den Menschen, nämlich der Mensch Christus Jesus (2,5).
 
8. ... von dannen er wiederkommen wird.
Während das Apostolikum bislang von Vergangenheit und Gegenwart Christi gesprochen hat, von seiner geschichtlichen und übergeschichtlichen Wirklichkeit, von seiner göttlichen und menschlichen Natur, so spricht es abschließend von der Zukunft Christi. Einer Zukunft, die innerhalb der allgemeinen Christenheit fast in Vergessenheit geraten ist, nämlich von seiner Wiederkunft.
Die Aussage von dannen er wiederkommen wird gehört ebenso wie die Verkündigung von Tod und Auferstehung Christi zu den Grundbestandteilen des Evangeliums. Das gesamte Neue Testament bekennt einhellig, dass Jesus Christus nicht nur der Gekommene, sondern auch der Wiederkommende ist.
Das Bewusstsein des grundsätzlich eschatologischen - also endzeitlichen - Charakters der urchristlichen Christusbotschaft ging im Laufe der Jahrhunderte mehr und mehr verloren. Das Gekommensein des Erlösers verdeckte die Botschaft seines Wiederkommens. Das Verdecken der Wiederkunftsbotschaft hängt zweifelsohne damit zusammen, dass sie noch nicht in Erfüllung gegangen ist. Die Spannung, in die die christliche Existenz durch sie gestellt wird, mochte auf die Länge der Zeit kaum auszuhalten gewesen sein. Erst im neunzehnten Jahrhundert 'entdeckte' man diesen Aspekt des Evangeliums neu. Vor allem in den verschiedenen Erweckungsbewegungen, die seit Anfang des neunzehnten Jahrhunderts aufkamen, wurde die Sehnsucht nach der baldigen Wiederkunft Christi zum wesentlichen Grund für Busse und Umkehr. Hier hat auch die Neuapostolische Kirche ihren historischen Ort, nur dass sich innerhalb der apostolischen Bewegung die Botschaft der Wiederkunft Christi untrennbar mit dem Apostelamt verband. Diese Verbindung hat sich als sehr fruchtbar erwiesen, da die Apostel in die Mitte ihrer Verkündigung, hier völlig dem urchristlichen Vorbild entsprechend, die Botschaft von der Wiederkunft Christi stellten und stellen.
Im zweiten Artikel unseren Glaubensbekenntnisses wird die Hoffnung auf die Wiederkunft Christi ausgesprochen, ohne dass auf die näheren Umstände eingegangenen wird. Durch die Wiederbesetzung des Apostelamtes und die Verkündigung der Apostel ist nun diese Aussage des Glaubensbekenntnisses, die für sich genommen ohne jede zeitliche oder geschichtliche Anbindung geschieht, zu etwas geworden, mit dem nicht erst in fernen Zeiten zu rechnen ist, sondern dessen Erfüllung in unmittelbarer Nähe ist. Die Hoffnung auf die baldige Wiederkunft Christi gehört zu den Grundlagen unseres Glaubens.
Das Ereignis der Wiederkunft Christi ist eingebettet in eine Reihe von Geschehnissen, auf die zum Abschluss, wenigstens noch skizzenhaft, eingegangen werden soll:
Zunächst ist hier die Auferstehung und Entrückung derjenigen zu nennen, die dem Ruf Christi gefolgt sind und sich von den Aposteln in Wort und Sakrament entsprechend haben ausrüsten lassen. Daraufhin folgt die himmlische Vereinigung von Christus und diesen erwählten Menschen, den Lebenden und den Toten, die mit dem Begriff Hochzeit des Lammes umschrieben wird. Während der Hochzeit des Lammes gibt es auf Erden die grosse Trübsal. Diejenigen, die in dieser Trübsal sich zu Christus bekennen und wegen ihres Bekenntnisses zu Märtyrern werden, werden schliesslich ebenfalls in die Gemeinschaft mit Christus hineingenommen.
Die sichtbare Wiederkunft Christi geschieht im Kreise derjenigen, die zuvor entrückt wurden und denjenigen, die als Märtyrer von Christus angenommen wurden. Die Erde erfährt eine grundlegende Verwandlung. Sie wird nun zum Ort, an dem ein neues Sein mit Gott möglich wird. Daran nun sind nicht nur diejenigen beteiligt, die mit Christus bei der sichtbaren Wiederkunft erschienen sind, sondern alle auf Erden Lebenden. Dies ist das Tausendjährige Friedensreich, von dem die Johannes-Offenbarung (Offenbarung 20,1-6) spricht.
Danach erst geschieht das Jüngste Gericht, in dem, wie es im 9. Artikel unseres Glaubensbekenntnises heisst, alle Seelen, ihr Teil empfangen, wie sie gehandelt haben, es sei gut oder böse. Christus ist dann der Richter der Lebenden und der Toten. Daran endlich schliesst sich die neue Schöpfung an, durch die die Gemeinschaft mit dem dreieinigen Gott durch nichts mehr aufgehoben werden kann.
Dr. Reinhard Kiefer im Mai 2004




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