Der Stammapostel ist doch heimgegangen ...


Ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal zwischen dem neuapostolischen Glauben und demjenigen vieler anderer Christen ist der Glaube an die Wiederkunft Christi. Diese Erwartung der Wiederkunft Christi, oft auch Naherwartung genannt, basiert auf den Worten Jesu: "Und wenn ich hingehe, euch die Stätte zu bereiten, will ich wiederkommen und euch zu mir nehmen, damit ihr seid, wo ich bin." (Johannes 14, 2). Es handelt sich daher um eine gottgegebene Verheissung. Die Erwartung dieses Ereignisses "potenziert nicht akopolyptisch die die Welt bestimmende Angst vor der Zukunft" (Zitat aus einem Vortrag von E. Jüngel), sondern ist für neuapostolische Christen eine frohe Erwartung. Die von Jüngel angesprochene Angst vor der Apokalypse basiert wohl wesentlich auf der Angst vor dem Jüngsten Gericht und mag dazu geführt haben, dass in manchen christlichen Kirchen heute die verheissene Wiederkunft Christi etwas in den Hintergrund getreten ist.
Dieser Naherwartung widmet die neuapostolische Jugendzeitschrift spirit in der Nummer 04/03 einen interessanten, lesenswerten Beitrag in Form eines Interviews mit drei neuapostolischen Christen unterschiedlichen Alters (siehe dazu auch Hintergrundbericht auf naktuell). Im Interview wird mit der sogenannten Botschaft des früheren Stammapostels J.G. Bischoff auch ein Thema angesprochen, über das vielerorts in der neuapostolischen Welt wohl noch immer lieber der Mantel des Schweigens gehüllt wird. Nur beantwortet Schweigen keine Fragen und löst keine Probleme - und auch die Geschichte lehrt uns, dass eine unbewältigte Vergangenheit uns nur allzu schnell wieder einholen kann.
Die Botschaft und ihre Nicht-Erfüllung
Die Botschaft von Stammapostel Bischoff lautete: "Ich bin der Letzte. Der Herr wird zu meiner Zeit kommen, die Seinen zu sich zu nehmen". J.G. Bischoff war schon über 80 Jahre alt, als er sie an Weihnachten 1951 verkündete. Er führte sie auf eine unmittelbare, persönliche Offenbarung Jesu Christi zurück, womit sie bei den neuapostolischen Christen eine besondere Autorität und Verbindlichkeit erhielt.
Nun, die Botschaft erfüllte sich nicht, denn am 6. Juli 1960 starb Stammapostel Bischoff. Sein Tod wurde gemäss dem Interview in spirit in einer Frankfurter Kirche sinngemäss wie folgt mitgeteilt: "Der Stammapostel ist doch heimgegangen - es war doch nicht wahr, was er verkündet hat." In einem offiziellen Rundschreiben an alle neuapostolischen Gemeinden wurde mitgeteilt, aus noch nicht bekannten Gründen habe Gott seinen Plan geändert. Die Nichterfüllung dieser Botschaft führte dazu, dass sich viele neuapostolische Christen von ihrer Kirche abwandten.
In die Ereignisse von damals bringt auch der Beitrag von spirit keine Klarheit. Das kann er nicht, denn auch die offizielle Stellungnahme der heutigen Kirchenleitung lässt mehr Fragen offen als sie Antworten gibt. Der heutige Stammapostel Richard Fehr nimmt zur Botschaft so Stellung: "Die Frage, warum die Botschaft sich nicht erfüllte, kann von uns gegenwärtig nicht beantwortet werden." In einer früheren Stellungnahme heisst es auch: "Die Nichterfüllung der Botschaft kann mit dem Verstand letztlich nicht erklärt werden".
Für die Christenheit eigentlich nichts Neues
Eine Botschaft wie diejenige von J.G. Bischoff ist für die Christenheit im generellen und in der Geschichte der neuapostolischen Kirche im speziellen eigentlich nichts Neues. Schon die Apostel in der Urkirche glaubten daran, dass sie wohl nicht sterben müssten. Apostel Paulus schrieb daher: "Siehe, ich sage euch ein Geheimnis: Wir werden nicht alle entschlafen, wir werden aber alle verwandelt werden ..." (1.Kor 15,51). Auch die ersten Apostel der Neuzeit in der damals noch katholisch-apostolisch genannten Kirche waren überzeugt, die Wiederkunft Jesus vor ihrem Ableben erleben zu dürfen (siehe dazu mehr unter Vortrag über die Neuapostolische Kirche von PD Dr. Reinhard Kiefer). Sie weigerten sich deshalb, weitere Apostel einzusetzen, was letztendlich zur Abspaltung der nachmaligen neuapostolischen Kirche von der katholisch-apostolischen Kirche führte.
In den Augen des Verfassers dieser Zeilen ist auch nicht der Inhalt dieser Botschaft problematisch. Zwar wurde dadurch, dass die Wiederkunft Christi nun innerhalb einer wegen des fortgeschrittenen Alters des Stammapostels überblickbaren Zeitspanne hätte eintreten müssen, das Leben des einen oder anderen neuapostolischen Christen stark beeinflusst. So sind Fälle bekannt, in denen neuapostolische Eltern ihren Kindern in Anbetracht dieser nahen Wiederkunft von Jesus eine entsprechende Ausbildung versagten.
Das Dogma
Im Rückblick hat der neuapostolischen Kirche jedoch folgender Umstand weit mehr Probleme verursacht: Die Botschaft von J.G. Bischoff, die keinen biblischen Ursprung hat, wurde damals innerhalb der neuapostolischen Kirche zum Dogma erhoben. Wer nicht daran glaubte und sie nicht gläubig bejahend annahm, wurde nicht versiegelt (d.h. durch Spendung des Heiligen Geistes in die Gemeinschaft aufgenommen) und durfte auch kein kirchliches Amt bekleiden. Dieses Dogma führte zu Streitigkeiten selbst unter den damaligen Aposteln und hatte letztendlich gar die Amtsenthebung und den Ausschluss mehrerer Apostel aus der neuapostolischen Kirche zur Folge.
Nachtrag vom 1. Mai 2005: Siehe zur neuesten Entwicklung unserem Beitrag Versöhnung mit VAC nach 50 Jahren.
Nachtrag 2: Mit der Geschichtskleisterung anlässlich des Infoabends vom 4. Dezember 2007 haben das amtierende Kirchenoberhaupt Leber und sein "Geschichtsapostel" Walter Drave das wahre unchristliche und unversöhnliche Gesicht der NAK gezeigt und damit für die nächsten Jahre alle Bemühungen zur Aussöhnung mit der VAC resp. VAG zunichte gemacht.
Von sehr vielen Mitgliedern und Amtsträgern der neuapostolischen Kirche wurde die Botschaft J.G. Bischoffs jedoch nicht hinterfragt. So ist nach unserem Wissen auch nicht bekannt, wie und wo J.G. Bischoff diese Offenbarung von Jesus erhielt. Die wohl damals vorherrschende Einstellung der meisten neuapostolischen Christen zeigt sich in den Worten des Apostels K. Weinmann beim Mitdienen in einem von Stammapostel Bischoff am 19. April 1953 in Zürich gehaltenen Gottesdienst: "Da hat mich mal einer gefragt: Ja, wie war denn das, hat denn der Stammapostel darüber auch gesprochen, wie diese Begegnung stattgefunden hat? Da habe ich gesagt: Das interessiert mich nicht im geringsten; in dem Moment, wo ich die Frage auch nur anschneiden und fragen würde: Lieber Stammapostel, wie war denn das, als der Herr Ihnen das offenbart hat?, dann würde ich schon meinen Zweifel kundtun an das Wort des Stammapostels."
Die Rückkehr zum Ursprünglichen
Die Frage, ob die Botschaft von J.G. Bischoff auf die weiter oben erwähnte "unmittelbare, persönliche Offenbarung Jesu Christi" zurückzuführen ist oder einfach nur einem tiefen, ehrlichen Sehnen des Stammapostels nach der Wiederkunft Christi entsprang, wird hier auf Erden wohl nie schlüssig beantwortet werden können. Nie jedoch in der Geschichte der neuapostolischen Kirche vor und nach J.G. Bischoff - ja selbst bei den urchristlichen Aposteln nicht - wurde eine solche biblisch nicht belegbare Botschaft zu einem Dogma erhoben wie das J.G. Bischoff tat. Damit wurde Gott selbst und sein Sohn Jesus Christus sowie das biblische Evangelium zugunsten der Person von J.G. Bischoff und seiner Botschaft in den Hintergrund gerückt.
Wohl nicht zuletzt das Erkennen dieses Umstandes mag in der neuapostolischen Kirche dazu geführt haben, dass von den Stammaposteln nach J.G. Bischoff - ganz speziell vom heutigen Stammapostel Richard Fehr - die Bibel und das wahre, biblisch begründbare Evangelium und damit die wahren christlichen Glaubensgrundlagen wieder in den Mittelpunkt des neuapostolischen Glaubens gerückt wurden.
Der Glaube an die Wiederkunft Jesus bleibt das zentrale Glaubensziel
Die frohe Erwartung der nahen Wiederkunft Christi ist damit für uns neuapostolische Christen nach wie vor der zentrale Punkt unseres Glaubens. Diese Wiederkunft wurde von Jesus selbst verheissen und ist biblisch begründet. Nur ist diese Erwartung heute nicht mehr an bestimmte Ereignisse oder Personen gebunden. Über den Zeitpunkt seiner Wiederkunft sagte Jesus: "Von dem Tage aber und der Stunde weiss niemand, auch die Engel im Himmel nicht, auch der Sohn nicht, sondern allein der Vater" (Markus 13, 32). Das kann also heute noch sein, oder morgen, in einer Woche, in zehn Jahren ....
Und wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge,
so würde ich doch heute noch mein Apfelbäumchen pflanzen.

Martin Luther zugeschrieben


Veröffentlicht: 10. Oktober 2003. Dieser Artikel ist keine Stellungnahme der Neuapostolischen Kirche, sondern widerspiegelt die persönliche Meinung des Verfassers. Das Anbringen eines Links von einer anderen Website auf diese Seite ist gestattet. Jedoch ist jede Art der Wiedergabe - auch auszugsweise - ohne ausdrückliche Zustimmung des Autors und alleinigen Rechteinhabers René Müntener untersagt.

Dieser Artikel ist inzwischen auch auf der Website des Verfassers veröffentlicht worden. Dort finden sich weitere kritische Beiträge zu J.G. Bischoff und seiner Botschaft, so z.B. der Artikel Der Traum von einem der auszog, seine Botschaft zu verkünden.





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